Was ist eigentlich eine Sehbehinderung?

Ein Beitrag von Nina Arisci

Für viele von uns ist die visuelle Wahrnehmung der Umwelt selbstverständlich – so sehr, dass wir manchmal gar nicht merken, wie häufig wir unseren Sehsinn zur Bewältigung von verschiedensten Aufgaben einsetzen. An das Fahrradfahren oder das Lesen eines Buches denkt man da schnell, aber wie unterscheiden wir beim Bezahlen des Einkaufs die 10er-Note von der 100er-Note und woher wissen wir ohne Worte, ob unser Gegenüber uns sympathisch oder schrecklich findet? Den Sehsinn zu keiner Zeit einsetzen zu können, das ist schwer vorstellbar. Zudem hat eine Sehbehinderung verschiedenste Ursachen, Formen, Auswirkungen… 

Um all das zu veranschaulichen, hat der SZBLIND den Kurzfilm „Zwischen Sehen und Nichtsehen“ gemacht, der durch Beschreibungen von Menschen mit einer Sehbehinderung und Simulationen einige der verschiedenen Facetten einer Sehbehinderung aufzeigt:

Aber wenn alles so komplex ist, wie sollen wir dann über Sehbehinderung sprechen? Gibt es Bezeichnungen, die dieser Vielfalt gerecht werden? Nun, es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, die ideale Lösung zu finden. Umso wichtiger ist es aber, dass wir uns darüber unterhalten. Das haben wir natürlich auch im SELODY-Projekt gemacht. Die Bezeichnungen, die wir verwenden, entsprechen den Empfehlungen des ICF-Modells und verschiedener Institutionen wie dem SZBLIND: Wir sagen ‘Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung’, wenn wir die medizinische Perspektive meinen, also wenn es um die gesundheitliche Schädigung des Sehsinnes geht. Viel öfter verwenden wir aber die Bezeichnung ‘Menschen mit einer Sehbehinderung’, die unter anderem die Blindheit einschliesst. Damit nehmen wir eine soziale Perspektive ein, bei der es darum geht, dass eine Person durch das Umfeld behindert wird, wenn dieses nicht an die Sehbeeinträchtigung angepasst wird. Dies wäre beispielsweise dann der Fall, wenn sich die Geldnoten nur visuell, anstatt auch taktil voneinander unterscheiden würden. ‘Menschen mit einer Sehbehinderung’ betont zudem im Gegensatz zur verbreiteten Bezeichnung ‘Sehbehinderte’, dass die Sehbehinderung nur eines von vielen anderen Merkmalen der Person ist.

Die Herausforderung ist es hier, dass wir uns auf Bezeichnungen einigen müssen, um überhaupt zu wissen, wovon wir sprechen. Andererseits müssen wir diese Bezeichnungen auch immer wieder überprüfen und dann ändern, wenn wir dafür gute Gründe haben; zum Beispiel, wenn sich Betroffene bei uns melden und uns sagen, dass sie andere Bezeichnungen vorziehen.

Was ist Ihre Meinung zu den gewählten Bezeichnungen? Hinterlassen Sie uns doch einen Kommentar. 

Nähere Informationen zur ICF und zu den genannten Begriffen sind hier zu finden.

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