Fünf Fragen an Co-Studienleiterin Isabella Bertschi

Nina Arisci war im Gespräch mit Isabella Bertschi

Isabella Bertschi arbeitet als Doktorandin am Lehrstuhl von Prof. Bodenmann und leitet mit Christina Breitenstein die SELODY-Studie.

Isabella, die SELODY-Studie ist mittlerweile schon seit über 2 Jahren in Gange, wenn man die Vorbereitung, die erste Befragungsrunde, die Hausbesuche mit deutschsprachigen Paaren, die Interviews mit französischsprachigen Paaren und jetzt den Beginn der zweiten Befragungsrunde berücksichtigt. Was ist dein Fazit nach dieser Zeit und was wünschst du dir noch für die letzte Phase?

Mein Fazit ist sehr positiv. Ich bin auch nach gut zwei Jahren noch täglich erstaunt darüber, wie viel Engagement von allen Seiten für SELODY aufgebracht wird: Teilnehmende Paare nehmen sich Zeit, unsere Fragen gewissenhaft zu beantworten, der SZBLIND bemüht sich sehr, die Themen von SELODY immer wieder ins Bewusstsein zu rücken – bei Betroffenen, in der Politik, in den Medien – und die Teams in Zürich und Lausanne arbeiten intensiv und sehr konzentriert daran, die Teilnahme für die Paare so reibungslos wie möglich zu machen und spannende Erkenntnisse aus unseren Studien zu ziehen. Mein Wunsch für die Abschlussphase ist deshalb, dass dieses Engagement weiterbesteht, dass wir weiterhin konstruktiv zusammenarbeiten und letztendlich mit unserer Forschung dazu beitragen können, dass Paare optimal unterstützt werden können, wenn ein Partner eine Sehbeeinträchtigung erfährt.

Warum braucht es eigentlich zwei Befragungsrunden und zusätzlich noch zwei Vertiefungsstudien, eine mit Hausbesuchen und die andere mit Interviews? Würde eine Befragungsrunde nicht ausreichen, um gute und nützliche Studienergebnisse zu generieren?

Diese Frage hören wir öfter und sie ist sehr nachvollziehbar. SELODY umfasst tatsächlich viele Teile und entsprechend viel Einsatz leisten unsere teilnehmenden Paare. Die verschiedenen Teile untersuchen jeweils einen Aspekt der uns interessierenden Hauptfrage: Welchen Einfluss hat die Sehbeeinträchtigung eines Partners auf die Partnerschaft? Da Partnerschaften sehr vielschichtig sind, kann diese Frage aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Daher gibt es neben der Hauptbefragung die beiden Vertiefungsstudien auf Deutsch und Französisch. Genaueres zu unseren Annahmen darf ich leider an dieser Stelle noch nicht verraten, weil es die Paare beeinflussen könnte, welche die zweite Befragungsrunde noch nicht abgeschlossen haben. Die Paare erhalten aber nach Abschluss der zweiten Befragungsrunde eine ausführlichere Stellungnahme dazu, was wir eigentlich konkret untersucht haben und welche Annahmen wir dabei hatten.
 Die zwei Befragungsrunden sind wichtig, weil uns natürlich auch interessiert, ob es Veränderungen über die Zeit gibt in der Partnerschaft. Dies können wir nur beantworten, wenn wir dieselben Fragen mehrmals stellen. Auch dazu erhalten die Paare nach Ende des zweiten SELODY-Jahres genauere Informationen.

Einige Aspekte der Studie – z. B. die Mehrsprachigkeit der Studie oder die verschiedenen Teilnahmearten (Befragung per Telefon, online oder auf einem Papierfragebogen) – sind ja vergleichsweise mit einem grossen Aufwand verbunden. Warum hat sich die Studienleitung dennoch dafür entschieden?

Ja, das stimmt. SELODY erfordert sicher an gewissen Stellen mehr Koordination als beispielsweise eine einsprachige Online-Umfrage. Es gibt viele Gründe, weshalb wir nicht “den Weg des geringsten Widerstands” gewählt haben. Einerseits ist es ein Anliegen des SZBLIND, die Interessen von Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung in der gesamten Schweiz zu berücksichtigen und zu vertreten. Dies kann nur erreicht werden, wenn wir auch allen betroffenen Paaren ermöglichen, unsere Fragen zu beantworten – und dies geht in der eigenen Sprache am besten. Dann ist es natürlich auch zentral, dass viele unserer Teilnehmenden eine eingeschränkte Sehfähigkeit haben und dadurch unterschiedlich gut Fragebögen bearbeiten können, die den Sehsinn benötigen. Auch die technische Affinität ist nicht bei allen Teilnehmenden gleich ausgeprägt. Wir wollten möglichst viele Optionen zur Teilnahme anbieten, damit kein Paar sich gegen eine Teilnahme entschliesst, weil es ihnen zu schwierig erscheint. Die Verantwortung, SELODY so zu gestalten, dass so viele Paare wie möglich unabhängig von möglichen Einschränkungen teilnehmen können, liegt ganz klar bei uns als Forschenden! Es ist nicht die Aufgabe der Paare, sich uns anzupassen.

Es haben sich ja unglaublich viele Paare aus verschiedenen Ländern – also aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Deutschland und sogar Spanien – zur Studienteilnahme angemeldet. Weshalb ist aus deiner Sicht das Interesse zur Unterstützung unserer Studie so gross?

Das Interesse an einer Teilnahme an SELODY war tatsächlich sehr gross. Das war ein sehr erfreuliches Erlebnis, weil wir Forschenden uns eher gewohnt sind, dass es ganz viel Überzeugungsarbeit braucht, um jemanden zur Teilnahme an einer Studie zu motivieren.

Ein wichtiger Faktor war sicher, dass der SZBLIND die Rekrutierung so tatkräftig unterstützt hat. So konnte SELODY auf die vielen bereits bestehenden Kontakte und Netzwerke zurückgreifen, die der SZBLIND seit Jahren pflegt. Auch das Zusammenstellen einer Patronatsgruppe von Personen, welche die Untersuchung von Partnerschaft im Kontext einer Sehbeeinträchtigung ganz klar unterstützt, hat aufgezeigt, dass das Thema nicht nur von einer “fremden, fernen Universität” als wichtig erachtet wird, sondern auch von Betroffenen als sehr relevant angesehen wird. Letztendlich glaube ich aber, dass es am wichtigsten ist, dass ganz viele Paare unsere Sichtweise teilen, dass eben nicht nur eine Einzelperson betroffen ist von einer Sehbeeinträchtigung, sondern auch die Menschen im nächsten sozialen Umfeld, allen voran der Partner oder die Partnerin. Ich verstehe das hohe Interesse an der Teilnahme deshalb als Aufforderung, dass wir mit den Mitteln der Wissenschaft unser Bestes tun sollen, um diese Sichtweise weiter zu verbreiten.

Gibt es Vorgehensweisen oder Erkenntnisse, die die Studienleitung aus dieser Studie mitnimmt und auch in anderen Studien einfliessen lassen wird?

Auf jeden Fall – wir lernen mit jeder Studie Neues dazu! Besonders hilfreich waren wahrscheinlich tatsächlich die in diesem Interview angesprochenen Fragen: Wie können wir sicherstellen, dass die Menschen an unserer Forschung teilnehmen können? Was bewegt Menschen dazu, an unserer Forschung teilzunehmen und wie können wir dies fördern? Wie können wir den Menschen erklären, was wir eigentlich genau machen und weshalb? Antworten auf solche Fragen im Rahmen von SELODY helfen uns, sowohl die Inhalte unserer Forschung wie auch die Durchführung unserer Forschung bestmöglich danach auszurichten, was für die Teilnehmenden und weitere Interessierte letztendlich einen Gewinn bringt.

Vielen Dank!

Die Befragungen werden nun noch bis etwa Ende 2020 fortgesetzt, bevor sie anschliessend ausgewertet werden. Bis dahin halten wir Sie mit unseren Blogbeiträgen auf dem Laufenden!

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